Von unerwarteten Erwartungen an den Nachwuchs

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Sandkiste Kinderfotografie

Wenn ein Baby das Licht der Welt erblickt, sind Eltern einfach nur glückselig. Die ersten Tage starren sie das kleine Geschöpf nur an und denken sich „wie süß“, „meins!“, „ein Wunder“, uvm. Die ersten Tage, Wochen, Monate ist man mit dem Stillen der Grundbedürfnisse und dem Anschmachten des kleinen Geschöpfs beschäftigt. Man befindet sich in einer Blase, aus Liebe, Glück, Ehrfurcht, gemischt mit ein wenig Sorge (ob man alles richtig macht). Irgendwann, bei manchen nach wenigen Wochen bei anderen erst nach einigen Monaten, bekommt diese Blase ein kleines Loch und die Luft geht aus. Die Gefühle sind zwar noch da, verdecken aber nicht mehr alle anderen, ab und zu etwas irritierende Gefühle. Plötzlich ist es ein Wirrwarr an Gefühlen, die sich leider nicht nur positiv auf einen auswirken. Dabei denke ich vor allem an das Gefühl der Erwartung. Der Erwartung an das Kind. Ja, ich weiß, komplett idiotisch. Aber nachdem sich die Mutter oder der Vater unter andere Mütter/Väter/Familien gemischt hat, kommt dieses Gefühl auf. Man kann es nicht verhindern. So sehr man sich auf wehrt. Man müsste schon ein Einsiedler sein, um das zu schaffen. Plötzlich erwartet man, dass das eigene Kind, das man doch vor kurzem noch bedingungslos angehimmelt hat, etwas kann. Dies und jenes, und am besten schon seit vorgestern. Selbst wenn man es sich bewusst macht, wie blöd diese Erwartungshaltung ist und das jedes Kind dies und jenes von selbst erlernt, manche(s) früher, manche(s) später, kommt man nicht aus. So war bzw. ist es bei mir. Ich hab Felix und sein Wesen angehimmelt. Nur dann, irgendwann nach einigen Wochen, kam die Frage: Schläft er durch? Den Tag drauf wieder. Und noch am selben Tag wieder. Aha. Okay. Obwohl es anfangs für mich absolut kein Problem war, dass mein Baby zwei bis drei Mal aufwachte, wurde es plötzlich zum Problem.

Der Druck wächst

Der Druck mein Kind zum Durchschlafen zu bringen wuchs. Bald hasste ich die Frage. Was sollte das? Wieso sollte ein Baby das müssen. Nach einiger Zeit prallte die Frage an mir ab. Natürlich besprach ich dieses Thema mit Freundinnen und lieben Verwandten, aber lediglich zum Austausch. Gut. Das Thema war dann auch vom Tisch. Bis zur nächsten Frage. Krabbelt dein Kind? Ähm, nein. Sollte es? Ja klar, er ist ja schon zehn Monate. Und schon wieder war er da. Der Druck. Kind krabble doch, bitte. Krabble doch endlich los. Tage und Nächte ging ich miesmutig durch die Gegend und versprühte schlechte Laune. Glaubte es irgendwie beeinflussen zu können. Und je mehr ich es mir wünschte, desto schlimmer wurde es für mich und alle anderen Beteiligten. Bis ich es endlich begriff. Wieder mal. Und es sein ließ. Mich wieder von seinem Lachen anstecken ließ. Und siehe da. Auf einmal war er mobil. Und ich sag’s euch, ab da wurde ich eindeutig entspannter. Auf die Frage, ob er denn gehe und warum er denn noch immer nicht gehe, antwortete ich meistens „Warum ist die Sonne rund?“. Manche verstanden die Antwort, manche schauten mich nur verdutzt an. Ist doch wahr. Als ob man sowas beeinflussen könnte!!! Lange, lange Zeit war dann Ruhe. Eigentlich dachte ich, es würde mich gar nicht mehr treffen. Bis zum Zeitpunkt als mich eine Mama fragte, warum Felix immer noch nicht spreche. Ihr Mädchen spricht schon recht viel. Hm. Aber wirklich Felix, warum sprichst du noch nicht? Auf einmal saß ich vorm Computer und recherchierte. Doch siehe da, noch am selben Tag bremste ich mich ein, erkannte diesen Wiederholungstäter und entlarvte ihn. Noch schneller, noch gezielter.

Nun bin ich „schon“ über drei Jahre Mutter und es passiert mir immer noch, dass gewisse Kommentare und Fragen Erwartungen an meine Kinder wecken, aber zum Glück gelingt es mir recht rasch einzulenken und meinen Kindern gelassen die Zeit einzugestehen, die sie brauchen.

Unterschiede werden immer weniger sichtbar

Mein Rat an alle werdenden Mütter, alle frischgebackenen Mamas und an alle verunsicherten Mamas: jedes Kind hat noch das Gehen gelernt (sofern ihm das physisch möglich ist). Will heißen, die einen gehen, die anderen sprechen, die nächsten schreiben, lesen, rechnen früh. Aber irgendwann können sie alle das alles: gehen, laufen, sprechen, schreiben, lesen, rechnen, schwimmen, tanzen, singen undundund. Irgendwann ist der Unterschied zwischen den Kindern so gering, dass er kaum sichtbar ist. Ab diesem Zeitpunkt kommen dann die Interessen des Kindes hinzu, die man entweder fördert oder nicht. Und damit wieder andere, neue Erwartungen…soweit bin ich aber noch nicht. Derzeit erfreue ich mich daran, meinem Felix beim Radfahren zuzusehen was er vorgestern von einer Minute auf die andere gelernt hat. Ich freue mich für ihn, weil er so stolz ist. Ätschipetsch. Mein Felix kann Radfahren und das mit 3 Jahren (und 4 Monaten)! Nein, im Ernst. Wir sind so stolz, weil er so stolz ist. Was Schöneres gibt es eigentlich nicht. Dieser stolze Blick deines Kindes, weil es etwas gelernt hat. Einfach so. Ganz alleine. Ganz „natürlich“.

Und noch etwas. Fragen wie „Schläft dein Baby durch?“, „Krabbelt es?“, „Spricht es?“, „Wird es gestillt?“ usw., versuche ich zu meiden. Genauso Wörter wie brav und schlimm. Als ob ein Baby schlimm sein könnt! All das sind wertende Fragen und Kommentare, meistens zumindest, und fordern auf. Zu was auch immer…

Evelin

Evelin

Meistens bin ich eine Optimistin und Individualistin, die manchmal manche Dinge viel zu ernst nimmt. Ich rede gern, und das oft ohne Punkt und Komma. Ich lese, koche und esse gerne. Fernsehen tu ich selten, dafür spielt sich zu viel Kino in meinem Kopf ab. Ich liebe Zitate und reise mit viel Quecksilber im Blut wandernd oder Zug fahrend durch die Welt.

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Evelin

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2 Comments

  1. Lilly says:

    Ganz im Gegenteil zu Evelin finde ich, dass die Unterschiede sehr wohl sichtbar sind und auch bleiben – auch wenn die Kinder größer sind. Dass ein Kind laufen, schlafen, sprechen lernt, sind für mich keine Parameter. Ich finde, dass man bei Kindern auch die Erziehung ansieht. Heute ist es verpönt, den Kindern nein zu sagen. Aber genau das brauchen sie manchmal eben auch. Und auch klare Grenzen. Es wundert mich auch nicht, dass so viele Restaurants und Hotels Kindern den Zutritt verbieten. Und da sehe ich die Schuld nicht bei den Kindern sondern bei den Eltern. Kinder sollen Kinder sein, herumtollen, Spaß haben. Sie sollen jedoch auch wissen, dass man am Tisch mit Löffel und Gabel isst und nicht den halben Tellerinhalt am Boden verteilt, oder andere Leute am Nebentisch mit ihrem Geschrei belästigt. Und bevor jetzt viele Mütter hier aufschreien, weil sie sich ertappt fühlen: dass es nicht immer möglich ist, weiß ich aus eigener Erfahrung, aber aus gerade dieser weiß ich, dass man Kindern Benehmen beibringen kann. Ich bin definitiv keine Verfechterin der strengen Erziehung, aber wenn wir unsere Kinder ständig nur anbeten und alles toll finden, was sie machen, erziehen wir sie nicht nur zu „schlimmen“ Kindern (wie du vorher erwähnt hast), sondern auch zu Narzissten, die später auch glauben, besser als andere zu sein. Man muss schon sehr früh die richtigen Segel setzen. Grüßen, bitte und danke sagen, empathisch mit anderen Kindern umgehen, den Umgang am Spielplatz und das Benehmen am Tisch…. – für all das sind wir verantwortlich. Und weil du das Lesen, Rechnen.. angesprochen hast. Ja, auch da wird man die Unterschiede sehen, wenn sie größer sind. Immer davon abhängig, wie sehr wir die Interessen von Kindern erkannt und gefördert haben.

    1. Evelin says:

      Bin ganz bei dir. Bei allem was du oben schreibst. Aber mir kommt vor wir reden hier von zwei verschiedenen Dingen. Ich schreibe hier nicht über Erziehung. Ich rede hier von Dingen, die alle Babies im Laufe der ersten Monate erlernen – ohne jegliches Zutun der Eltern und davon, dass jegliche Erwartungshaltung (bei diesen Dingen) unnötig ist. Und auch wenn ich mich hier wiederhole, mit diesen Dingen meine ich das Schlafen, Zahnen, Essen, Robben, Krabbeln, Gehen und ev. Sprechen. Um diese Entwicklungsschritte geht es im ersten Jahr. Und schon ist man quasi mitten drin: man informiert sich, fragt nach, vergleicht, misst, wertet. Das kennt man doch, oder? Und ich kenne keine Mutter, die nicht zumindest mit einer Sache, die ich oben erwähnt habe, zu „kämpfen“ hat. Sei es, dass ihr Baby keine feste Nahrung zu sich nehmen möchte, dass es Einschlaf- bzw. Durchschlafschwierigkeiten hat, spät mobil wird oder „spät“ spricht. Alles Dinge, die Mutter/Vater nicht wirklich beeinflussen können. Und trotzdem beschäftigt es uns. Wir lesen nach, recherchieren und tauschen uns aus. Und manchmal führt gerade dieser Austausch zu Unsicherheit, Sorge, Ungeduld, erhöhten Erwartungshaltungen an die Kinder. Und deshalb auch dieser Blogeintrag. Weil ich all das mit Felix und Anika erlebt habe bzw. gerade erlebe und den werdenden Mamas (auch in meinem direkten Umfeld) damit sagen möchte: stresst euch nicht! Das führt zu nix. Trennt bei Tipps und Kommentaren die Spreu vom Weizen und genießt eure Babies. Ohne unsinnige Erwartungshaltungen zu stellen. Ohne Druck aufzubauen. Sie werden so schnell groß und dann sind diese „Probleme“ Schnee von gestern.

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